Sorge dich nicht, lebe!
Die Wettervorhersage verheißt ein strahlendes Hoch, die Campingausrüstung ist bereits im Auto verstaut und die Familie befindet sich in bester Weekend-Stimmung. Nur Vater zieht wie immer die Stirn in Falten und knurrt vor sich hin: "Ziehen dort nicht Wolken auf, wahrscheinlich wird es bald regnen, ich habe absolut keine Lust im Nassen zu sitzen. Sicher kommt ein Gewitter, Schlammlawinen, Bergrutsch - alles Mögliche kann passieren..." Die Familie ist genervt, die gute Laune ist dahin.
Leider werden sie immer mehr, die notorischen Schwarzseher, die alles Unerfreuliche dieser Welt heraufbeschwören. Wie ein Lauffeuer breitet sich die latente Sucht nach negativer Sicht- und Denkungsweise in unserer Gesellschaft aus. Prof. Dr. Michael Kunze vom Institut für Sozialmedizin der Universität Wien sieht darin die Folge allzu strenger katholischer Erziehung: "Durch die Erbsünde ist der Mensch a priori schuldig. Auch andere Weltuntergangspropheten und Heilsverkünder predigen Schuld, Erlösung und Buße. Dadurch geht jegliches Selbstwertgefühl verloren - wie soll da noch jemand an einen Erfolg im Leben glauben?" Andererseits gilt es in manchen intellektuellen Kreisen sogar als chic, der Schwermut zu huldigen.
Unter der Devise "nur keine Freude aufkommen lassen" werden angeborene Fähigkeiten eingeschränkt, Wünsche, Sehnsüchte und Träume sabotiert. Die Menschen entwickeln sich zu echten "Negaholikern" (Nega = verneinen, -holiker ist jemand, der einer Sucht verfallen ist). Ihr Leben ist ein einziger Katastrophenfilm, in dem Unheil, Tragik und völliges Desaster die Hauptdarsteller sind. Angst ist ihnen zur zweiten Natur geworden.
Wahre Nervensägen für ihren Freundeskreis sind diejenigen, die ständig um Hilfe, Beistand oder Rat bitten und letztlich jeden Vorschlag zurückweisen, "weil er sowieso nicht funktioniert" - in Wirklichkeit geht es ihnen nicht darum, eine Lösung zu finden, sondern nur ums Jammern und Nörgeln. Es handelt sich um eine Dynamik, bei der man nur verlieren kann, weil der Hilfesuchende eine Falle stellt, in die der Helfer mit den besten Absichten hineintappt und sich dann für dumm verkauft fühlt.
Kommt Ihnen folgender Gedankengang vielleicht bekannt vor? "Ich weiß genau, dass er abhauen wird. Ebenso wie alle anderen. Es ist nun einmal mein Los, einsam und verlassen zurückzubleiben" oder "Eines Tages werde ich meine Miete nicht mehr zahlen können und ich lande als Penner auf der Straße". Völlige Hoffnungslosigkeit tönt aus folgendem Satz: "Das alles ist doch unmöglich durchführbar. Wenn es bislang nicht so gemacht wurde, dann kann man es auch jetzt nicht schaffen, und ich kann es schon gar nicht, also warum es erst versuchen?"
Falls Sie etwas Neues erfunden haben, erzählen Sie es bloß nicht einem Pessimisten, er wird Ihren Geistesblitz augenblicklich zum Erlöschen bringen. Dem Optimisten kann das Leben ebenso zusetzen, aber er nimmt seine Missgeschicke ganz anders auf. Eine schwierige Situation betrachtet er als Herausforderung und durch Niederlagen lässt er sich nicht unterkriegen. Diese unterschiedlichen Denkgewohnheiten haben ihre Konsequenzen.
In unzähligen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass Optimisten in der Schule und auf der Universität, bei der Arbeit und beim Sport besser abschneiden. Auch im Job haben sie bessere Chancen und ihre Gesundheit ist ungewöhnlich gut. Pessimisten dagegen geben leichter auf, haben alle möglichen Wehwehchen und verfallen häufig in Depressionen. Es scheint, dass sich pessimistische Prophezeiungen selbst erfüllen, denn Schwarzsehern stößt tatsächlich mehr Unglück zu als den Positivdenkern.
Der Vorläufer aller großen Bücher über positives Denken ist das Werk von Dale Carnegie: "How to Stop Worrying and Start Living" - "Sorge dich nicht, lebe" ist bereits 1949 in Form eines Sachbuchs im Bereich Lebenshilfe erschienen. Und mehr als 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist das Buch zu einem Standardwerk für positives Denken sowie optimistische Lebensführung geworden und konnte sich bislang auf dem boomenden Markt der Ratgeberliteratur gegen sämtliche Konkurrenztitel behaupten. Viele weitere Autoren folgten: Dr. Joseph Murphy, Napoleon Hill, Norman Vincent Peale u. a.
Die simple Botschaft war stets: Wer Erfolg erwartet, der bekommt ihn. Wer Unglück erwartet, bekommt es auch. Es ist eine alte Binsenweisheit, dass sich das Glück nicht zwingen lässt, aber es lässt sich kultivieren. Freilich nicht, indem wir passiv darauf warten, dass es uns in den Schoß fällt. Man muss schon etwas dafür tun. Das Leben geht nicht immer sanft mit uns um. Jeder muss damit rechnen, immer wieder ungerecht behandelt zu werden. Wie oft muss eine Löwin hinter einer Gazelle herjagen um sie zu schlagen? Die Löwin käme nicht auf den Gedanken, resignierend aufzugeben, nur weil die Gazelle wieder einmal schneller war.
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