Aktives Zuhören

Zuhören – und vieles geht leichter…

Michael Ende schreibt in seinem Buch „Momo“ über ein kleines Mädchen: „Sie konnte so zuhören, dass rastlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur einer unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt – und er ging hin und redete mit Momo, dann wurde ihm auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es genau ihn unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab, und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!“

Hand aufs Herz: Sind Sie eine gute Zuhörerin? Wenn ja, dann haben Sie schon gewonnen. Denn wer die Fähigkeit besitzt, einfühlsam zu lauschen ist immer beliebt, attraktiv und begehrt. Auch wenn der Schmelz der Jugend schwindet, die Jahre ihre Spuren hinterlassen, die Figur ihre Formen verliert, wer zuhören kann, ist auch mit hundert unwiderstehlich. Eine gute Zuhörerin wirkt auf ihre Umwelt wie ein Magnet. Die Menschen scharen sich um sie und über einen Mangel an Freundschaften wird sie nie zu klagen haben. Denn am Zuhörenkönnen hängt die ganze zwischenmenschliche Kommunikation und damit die Erfüllung der Sehnsucht des Menschen, verstanden zu werden.

Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass das Vorhandensein von zwei Ohren ausreicht, damit jeder zuhören kann. Deshalb kennt die Schule kein Ausbildungsfach „Zuhören“. Aber es ist ein Unterschied, ob das Lauschen pro forma betrieben wird und der Gesprächspartner seinen Mund hält und nur darauf wartet, dass er endlich dran ist und sich dabei überlegt, was er sagen wird, wenn der andere fertig ist. Oder ob er sich wirklich mit dem, was der andere sagt, auseinandersetzt. Es ist eine gute Methode, das Gehörte mit eigenen Worten zu wiederholen, damit keine Missverständnisse aufkommen. In den platonischen Dialogen des Sokrates war das gang und gäbe. Die alten Griechen nannten das Paraphrase. Bis zum ausgehenden Mittelalter war das auch an unseren Hochschulen üblich. Heute kann das fast keiner mehr.

Die hohe Kunst des aktiven Zuhörens besteht vor allem darin, darauf einzugehen, was der Sprecher zwischen den Zeilen zum Ausdruck bringen will, denn in den Worten schwingt auch sein Gefühl mit. Tonfall, Stimmlage und Gesichtsausdruck spiegeln wider, wie ihm zu Mute ist.

Im Grunde trachten alle Menschen danach, ernst genommen zu werden. Jeder möchte respektiert, möchte beachtet und geachtet werden. Und sobald wir wahrnehmen, dass wir wirklich ernst genommen werden, geht es uns gut.

Wer also zuhört gewinnt immer – Sympathie und Information. Trotzdem tun viele Menschen es nicht. Wie die Kunst des Zuhörens wieder erlernt werden kann, beschreibt die Kommunikationspsychologin Rebecca Shafir anhand der ZEN-Lehre in ihrem Buch „Zen oder die Kunst des Zuhörens“. „Offenbar ist es leichter oder interessanter, eigene Gedanken mitzuteilen, als sich schweigend und einfühlsam in die Lage eines anderen zu versetzen. Dabei ist mangelndes Zuhören oft der Grund dafür, dass Freundschaften zerbrechen, Partnerschaften auseinander gehen oder Geschäfte nicht zustande kommen“, so Rebecca Shafir.

„Es gibt zwei Arten von schlechten Zuhörern. Typ 1 monologisiert ohne Erbarmen und ignoriert jeden Versuch, ihn zu unterbrechen. Nerven kostet auch seine Unfähigkeit, eine Frage ohne Umschweife zu beantworten. Typ 2 redet zwar nicht ständig, trägt aber Desinteresse durch gelangweilte Miene oder spürbare „Abwesenheit“ zur Schau. Verstecken hinter einer Zeitung, undeutliches Murmeln oder der intensive Blick in den Fernseher sind dabei gängige Verhaltensweisen“.

Warum hören Menschen nicht zu? Die Psychologin und Mediatorin Dr. Margit Steinzer: „Die wichtigsten Gründe sind Egozentrik, Desinteresse am Thema, Konzentrationsmangel, Überlastung oder Angst vor zuviel Nähe. Manche hören nicht zu, weil sie das als anstrengend empfinden. Aber dadurch entstehen erst recht Missverständnisse, und die kosten ebenfalls eine Menge Energie. Richtiges Zuhören heißt nicht, Gesagtes irgendwie aufzunehmen, sondern ein Gespür für Zwischentöne oder Unausgesprochenes zu entwickeln.“

Zuhören als Geschenk

Zuhören ist eines der schönsten Geschenke, die wir einander machen können. Kann man lernen, ein guter Zuhörer zu werden? Rebecca Shafir: „Es geht dabei nicht darum, harte Arbeit zu leisten, sondern eine andere Einstellung zu gewinnen. Lassen Sie als ersten Schritt einfach die Vorstellung zu, dass jede Begegnung mit einem anderen Menschen einen Schatz an Erfahrung, Information oder Erkenntnis enthalten kann.“ Das gelingt am besten, wenn Sie folgende Punkte beachten:

* Stellen Sie für einige Zeit ihre eigenen Interessen zurück und konzentrieren Sie sich auf den Sprecher. Sie sind zweifellos interessant, aber der andere ist es auch. Und deshalb ist jetzt er mit reden dran. Die grundlegende Einstellung „Ich bin OK, du bist OK“ leistet dabei gute Dienste.

* Geben Sie Vorurteile auf! Meist fällen wir schon bei der ersten Begegnung die Entscheidung, ob es sich lohnt, einer Person zuzuhören. Entspricht sie nicht unseren Vorstelllungen bezüglich Geschlecht, Alter, sozialem Status, ethnischer Zugehörigkeit oder äußerem Erscheinungsbild nehmen wir die Worte erst gar nicht auf.

* Wer immer Recht hat oder ausschließlich auf seinem Standpunkt beharrt, ist nicht nur als Zuhörer ungeeignet, sondern auch als Mensch mühsam. Sie sind toll und Sie haben sicher Recht. Aber eben nicht immer.

* Finden Sie es schön, wenn jemand Sie versteht, mit Ihnen fühlt und damit eine Atmosphäre von Wärme erzeugt? Eben. Gehen Sie also ruhig davon aus, dass auch Ihr Gesprächspartner auch davon sehr angetan ist.

* Wer Gehörtes sofort in die Kategorien „gut“ und „schlecht“ aufteilt, kann nicht mehr einfühlsam zuhören. Richtig und falsch sind sowieso relative Begriffe, die je nach Situation variieren. Unterlassen Sie also Werturteile! Das ist nicht nur für den anderen entlastend, sondern auch für Sie.

* Es gibt Sätze, die den Erzählenden regelrecht stoppen und außer mieser Stimmung nichts bewirken. Dazu gehören: „Das bildest du dir doch nur ein“, „Musst du immer so ein Theater machen?“, „Wie bist du nur auf diese Idee gekommen?“ „Was war denn schon wieder los?“. Solche Aussagen kränken, werten den anderen ab und verhindern damit eine sinnvolle Kommunikation.

* Verkneifen Sie sich den „guten Rat“. Vielleicht sind Sie ja der Meinung, dass nur Sie wissen was jemand braucht, um ein Problem zu lösen. Wunderbar, wenn der andere es auch so sieht und gierig darauf wartet, dass entsprechende Weisheiten aus ihrem Munde sprudeln. Ist dem aber nicht so, ist es klüger, wohlmeinende Ratschläge für sich zu behalten. Sie werden mit ein bisschen Sensibilität spüren, ob diese wirklich erwünscht sind oder sich der andere einfach nur aussprechen möchte.

* Nutzen Sie die Kraft des Schweigens. Positives Schweigen vermittelt nicht Desinteresse oder Langeweile, sondern lässt dem Gesprächspartner die Möglichkeit, Schmerz, Wut oder Angst herauszulassen.

Aktives Zuhören verbessert bei uns und anderen die körperliche und seelische Gesundheit. Wir helfen unserem Gegenüber, Stress abzubauen und tragen so dazu bei, dass sein Blutdruck sinkt, das Immunsystem gestärkt wird und ein eventuelles Magengeschwür gar nicht erst entsteht. Außerdem wird das Selbstwertgefühl gestärkt, weil wir signalisieren: „Du bist wichtig. Ich nehme mir Zeit für dich“. Für gute Zuhörer selbst sinkt laut einer Studie sogar die Sterblichkeitsrate, weil gute Sozialkontakte das Leben erwiesenermaßen verlängern. Besseres Verständnis füreinander fördert auch Gelassenheit und innere Ruhe, was wiederum einen positiven Effekt auf Körper und Seele hat.

Ohne aktives Zuhören ist eine echte Beziehung zu anderen nicht möglich. Viele Partnerschaften scheitern daran, dass einer oder beide unfähig sind, sich für bestimmte Zeit voll und ganz auf den anderen zu konzentrieren. Dr. Steinzer: „In der Mediation geht es darum, dass trennungswillige Partner doch noch einen Weg finden, konstruktiv miteinander umzugehen. Sie lernen oft erst zu diesem Zeitpunkt, dass Zuhören für eine faire Gesprächsführung unerlässlich ist.“ Natürlich dürfen wir einander auch nicht quälen. Wie gehen Sie mit jemanden um, der unbarmherzig weiterredet, obwohl Ihnen der sprichwörtliche Schweiß von der Stirn tropft? Rebecca Shafir: „Wenn Sie das Thema wirklich nicht interessiert oder der andere Ihre Geduld über Gebühr beansprucht, ist es völlig in Ordnung zu sagen: „Es tut mir leid, ich muss jetzt weitermachen.“ Erbarmungslos niedergeschwätzt zu werden ist seelischer Missbrauch, und den muss sich niemand gefallen lassen. Es kann auch sein, dass einfach der Zeitpunkt nicht richtig ist. Wenn sich Ihr Partner gerade in den Finger geschnitten hat und verzweifelt nach einem Pflaster sucht, die Katze auf den Teppich kotzt und Ihr grippekrankes Kind auf den heißen Tee wartet, sind Sie wahrscheinlich für den Liebeskummer der Freundin nicht sehr aufgeschlossen. Ein „Sei nicht böse, aber ich kann dir im Moment nicht zuhören“ ist dann aber auf jeden Fall besser, als die Ärmste ins Leere reden zu lassen.

Üben Sie aktives Zuhören!

Kommunikation ist ein Tauschvorgang! Konstruktive Gespräche bestehen aus Geben und Nehmen. In der Wechselwirkung von Sprechen und Verstehen bildet sich die Bedeutung heraus.

Zuhören soll dahin führen, möglichst gut zu verstehen, was jemand sagt und meint. Oft sind wir aber, während wir anscheinend zuhören, in Gedanken bei unseren eigenen Vorstellungen. Wir haben vorgefasste Meinungen über das, was wir hören, über die Person, die spricht und über ihre Mitteilung.

Im Streit wird die Kommunikation durch Aggressionen und Unsicherheiten zusätzlich belastet. Dann nehmen wir nur das auf, was wir ohnehin längst zu wissen meinten. Nach den ersten Worten des Gegenübers wird die eigene Antwort vorbereitet. Das ist aber keine Antwort, sondern ein Sprechen von sich selbst. Keiner der Streitenden hört wirklich, was der andere sagt und wartet nur auf die erstbeste Gelegenheit, das Wort zu ergreifen. Wiederholungen und Lautstärke fördern die Eskalation und nicht die bessere Verständigung. Zuletzt fühlt sich niemand verstanden. Aktives Zuhören bedeutet, sich beim Zuhören, so weit es geht, in die Situation des Gegenübers zu versetzen, um mit allen Sinnen für die andere Meinung, den anderen Standpunkt offen zu sein. Es geht ums Verstehen. Es geht nicht darum, dem anderen Recht zu geben!

Eigentlich ist aktives Zuhören ganz einfach. Der entscheidende Schritt besteht darin, die Worte des anderen in die eigenen zu übersetzen. Also: Ihr Gesprächspartner sagt etwas – und bevor Sie antworten, fassen Sie seine Worte kurz zusammen. Die Reaktion Ihres Gegenübers lässt Sie erkennen, ob Sie richtig verstanden haben. Pausen optimieren die Verständigung. Auch die Körpersprache wird im aktiven Zuhören einbezogen. Wenn Sie Ihrem Gegenüber das Gefühl geben können, dass Sie aufmerksam zu verstehen versuchen, verfügen Sie bereits über ein wesentliches Instrument zur Transformation der Spannung in Richtung Deeskalation. Diese Form der Aufmerksamkeit ist wesentlich Erfolg versprechender, als das vordergründige Zustimmen ‚Um des lieben Friedens Willen‘, ohne wirklich zu verstehen.

Aktives Zuhören zeigt sich auch in den Fragen, die Sie stellen. Wenn Sie einen Konflikt klären wollen, benötigen Sie ja viele Informationen. Üben Sie aktives Zuhören gleich heute, auch ohne einen Konflikt. Es geht um den wesentlichen Unterschied zwischen Verstehen und Recht geben.